Brilon. Es wird gesägt, gehämmert und gebaggert. Das ehrwürdige Haus Hövener – Sitz des Briloner Museums – bietet an diesem Vormittag einen ungewohnten Anblick, denn in allen Museumsräumen tummeln sich zwischen den Exponaten Schüler und tüfteln an Schaltkreisen, stecken PVC-Rohre zusammen, fertigen Sterne aus Holz oder punzen sich kleine Schlüsselanhänger. Die frühere Eigentümerin und Namensgeberin des Hauses, Wilhelmine Hövener, hätte daran vermutlich ihre Freude gehabt, war sie doch selbst eine passionierte Lehrerin.
„Mobile Schülerwerkstatt“ geht in die zweite Runde
Bereits zum zweiten Mal haben das Museum und die Handwerkskammer Südwestfalen mit der Agentur für Arbeit die „Mobile Schülerwerkstatt“ auf die Beine gestellt. „Die Idee ist, junge Menschen an die Berufswelt heranzubringen“, erklärte Museumsleiter Carsten Schlömer. Im Fokus stehen die Handwerksberufe – und gerade hier bieten sich viele, kreative Möglichkeiten, wie Schüler – das Angebot ist für die achte Klasse der Marienschule – mit Hands-on-Erfahrungen einen realistischen Eindruck von verschiedenen Berufen bekommen.
Aus Abwasserrohren nach Bauanleitung einen Liegestuhl basteln, aus Kupferrohren und Verbindungsstücken mithilfe einer Skizze ein Leitungsnetz zusammenstecken – selbst wo anfängliche Berührungsängste bestanden, schwinden sie schnell, und so stecken Mädchen genauso eifrig ihre Köpfe zusammen und tüfteln daran, wie sie einen Schaltkreis nach Vorgabe zum Funktionieren bringen können, wie Jungen eine Spritze setzen oder den Blutzucker messen. Denn, auch wenn die Pflege rein formal kein Handwerksberuf ist, so hat sie doch viel mit Handarbeit zu tun, und so ist auch das Briloner Krankenhaus von Anfang an mit Engagement dabei.
Zehn Betriebe – 30 Berufe zum Ausprobieren
Zehn Handwerksbetriebe sind vertreten, aber auch das Berufskolleg Olsberg und das Erzbistum Paderborn machen mit. An zehn Stationen erhalten die Schüler Einblicke in rund 30 verschiedene Berufe – bekannte, wie Klempner, Dachdecker oder Elektriker, sowie unbekanntere, wie Vermessungstechniker, Bauzeichner oder Kunststoff- und Kautschuktechnologe. Berufe vorzustellen, „die so gar nicht auf dem Schirm sind“, ist auch das Anliegen von Yvonne Köhler von der Handwerkskammer Südwestfalen (HWK).
Im Unterschied zu Berufsmessen, wie der Brilon-Olsberger Orientierungsmesse (BOOM), die erst unlängst stattgefunden hat, bietet das Haus Hövener einen intimeren Rahmen. Die Schüler können mehr selbst ausprobieren und die Firmenvertreter können individueller auf jeden Einzelnen eingehen. Zudem richtet sich das Angebot an die achten Klassen, bevor die Schüler sich einen Praktikumsplatz suchen. „Die Jugendlichen müssen ihre Talente entdecken“, erklärte Katharina Kipka von der Agentur für Arbeit. Sie betrachtet die Schülerwerkstatt als Brücke zu BOOM. Nadja Kohlwey, Leiterin Team Fachkräftesicherung bei der HWK, hofft, dass die Initiative Schule macht und sich in anderen Städten etabliert. Dass die Aktion sich auch für die Betriebe lohnt, bestätigten mehrere Unternehmer, die Schüler der Marienschule inzwischen als Auszubildende gewonnen haben.
Warum das Museum der ideale Ort ist
Warum das Museum sich so gut als Veranstaltungsort eignet, erklärte Schlömer mit der thematischen Nähe. Schließlich ginge es in den einzelnen Ausstellungsräumen viel um klassische Handwerksberufe und Wirtschaftszweige in Brilon. „Moderne trifft Tradition“, brachte es Köhler auf den Punkt. Zudem hilft der neutrale Ort, Schwellenängste abzubauen.
Das Highlight des Tages ist sicherlich der kleine Bagger vor dem Museum, mit dessen Schaufel die Schüler passgenau ein Lot in einem Fallrohr versenken sollen. Abgesperrt wie eine echte Baustelle, lockt es einige neugierige Passanten an – der ein oder andere hätte sicherlich selbst gerne einmal probiert.
Zeitdruck wie im echten Berufsleben
Dass diese Aufgabe, so, wie viele andere auch, unter Zeitnahme ausgeführt werden muss, weckt nicht nur den Ehrgeiz und steigert die Motivation der Schüler, sondern ist auch ein Hinweis darauf, dass dies alles nicht nur ein Spiel ist, sondern dass man auch „im echten Leben“ oft unter Zeitdruck arbeiten muss.
Ein Laufzettel, auf dem die Schüler sich alle Stationen abstempeln lassen müssen, sorgt zusätzlich dafür, dass keiner „kneift“ – auch wenn diese Sorge sicherlich unbegründet ist, denn an Lernorten außerhalb des Schulgebäudes sind die Jugendlichen erfahrungsgemäß motiviert. Obendrein gibt es ein Teilnahme-Zertifikat auf hochwertigem Papier. Ein QR-Code darauf erleichtert den Schülern einen direkten Zugang zu freien Ausbildungs- und Praktikumsstellen. Alle Beteiligten sind sich daher einig, dass die „Mobile Schülerwerkstatt“ eine wertvolle Bereicherung beim Übergang von der Schule in die Berufswelt ist. „Die Schüler nehmen das wahr und nutzen die Chance“, freute sich Klassenlehrerin Lara Bathen.

Handwerksbetriebe und Einrichtungen boten den Schülern Hands-on-Erfahrungen aus der Arbeitswelt. In der unteren Reihe die Organisatoren der Mobilen Schülerwerkstatt, Katharina Kipka (BfA), Yvonne Köhler und Nadja Kohlwey (HWK) sowie Carsten Schlömer (Haus Hövener).
Foto: Kristin Sens
