Elleringhausen. Mitten im Sauerland, genauer gesagt an der Feuereiche in Elleringhausen und mit ausgestrecktem Daumen, ist das wohl größte Abenteuer seines Lebens gestartet. Tilo Kruse ist nach seinem Abitur mit 19 Jahren und gerade einmal 50 Euro zu einer Weltreise aufgebrochen – zu Fuß und mit dem Nötigsten, was es zum Leben braucht. Gelandet ist er mittlerweile am südlichen Ende der Welt – in der Antarktis.
Ursprünglich war das Ganze „nur“ als Pilgerreise vom Sauerland über den Jakobsweg in Spanien und wieder zurück in sein Heimatdorf Elleringhausen geplant. Dort kam er nach 132 Tagen, davon 125 Tage zu Fuß, mit 106 Euro und unglaublichen Geschichten im Gepäck auch wieder an – hinter ihm eine Reise ins Ungewisse, die ihn zu sich selbst führte und zu noch Größerem anspornte.
In seiner Kindheit und Jugend sei er schüchtern gewesen, habe nie eine Freundin gehabt und nie reisen können, da seine Eltern Landwirtschaft hatten, erzählt er ganz offen in einem seiner YouTube-Videos unter dem Account „Der Pilger“. Heute zieht es ihn hinaus in die weite Welt. Im Sauerland habe es ihn nach seiner Rückkehr nicht lange gehalten. Er pilgerte erneut drauflos, vorwiegend per Anhalter, bis nach Berlin, dann nach Paris und schließlich zur Südküste Spaniens, um den Atlantik im Segelboot bis nach Südamerika zu überqueren.
Ein Leben im Hier und Jetzt
Dass aus der einstigen Pilgertour eine Weltreise wurde, sei wie jeder neue Tag auf seinem Abenteuer nicht wirklich geplant gewesen, so der heute 22-Jährige. Genau das ist es auch, was seine Reise so besonders macht: Er lebt das Leben völlig im Hier und Jetzt, mit all seinen Herausforderungen und Unsicherheiten.
Dass man dabei auch schon mal ausgeraubt wird oder nicht weiß, wo man morgen schläft, lacht Tilo Kruse einfach weg. „Zuletzt war ich zu Fuß und per Anhalter quer durch Südamerika unterwegs. Ich habe mit Ureinwohnern im Dschungel Venezuelas das ‚einfache‘ Leben gelebt und bin nach 40 Tagen Segeln in Trinidad gelandet. Von dort ging es weiter nach Guyana für etwa sechs Monate. Mein Geld zum Leben habe ich mir dort mit Videos über Social Media verdient – als Weißer mit TikTok fällt man da schon auf“, erzählt er lachend.
Mit den Schattenseiten hat er längst gelernt umzugehen: „Mir wurde zweimal das Portemonnaie geklaut. Das war witzig, da nicht mehr viel drin war und ich gerade zur Bank gehen wollte. Hinterher hatte ich sogar 200 Euro mehr, da einige Leute das mitbekommen und mir Geld zurückgegeben haben“, berichtet Tilo Kruse. Sein Motto: Statt sich auf Probleme zu fokussieren, Lösungen zu suchen. „Da dachte ich mir, es ist an der Zeit, Selbstverteidigung zu lernen. In Brasilien habe ich dann mit ‚Brazilian Jiu-Jitsu‘ angefangen.“
Dort lernte der Sauerländer jemanden kennen, der ihn mit einem Frachtschiff über den längsten Fluss der Erde, den Amazonas, bis nach Bolivien mitnahm. Während er weiter per Anhalter und zu Fuß durch das Land zieht, gibt es aber auch die einsamen Momente. „Ich dachte mir also, ein Lama wäre ganz cool beim Wandern. Ein bisschen Geld hatte ich ja durch meine Videos, also habe ich mir für 200 Euro ein Lama gekauft. Am Ende meiner Bolivien-Reise musste ich das Lama aber zurücklassen und habe es für 100 Euro wieder verkauft, was wohl der gängige Preis ist. Da wurde ich wohl etwas abgezogen“, blickt er schmunzelnd zurück.
Camping in südlichster Stadt der Welt
Ohne tierische Begleitung geht es per Anhalter weiter durch Argentinien, mit dreiwöchigem Camping in der südlichsten Stadt der Welt, Ushuaia, auch als „Tor zur Antarktis“ bekannt. „Ich dachte mir, wenn ich schon mal hier unten bin, muss ich mir die Antarktis ansehen. Ende November bis Februar ist Antarktis-Saison, also mit plus/minus zwei Grad der ‚Sommer in der Antarktis‘. Dann fahren auch die ganzen Schiffe mit Touristen rüber. Außerhalb der Zeit herrschen dort minus 40 Grad und es gibt nur etwa vier Sonnenstunden am Tag“, erklärt Tilo Kruse. Um also zur „Sommerzeit“ in die Antarktis zu kommen, besuchte er jeden Tag den Hafen in Argentinien, um mit dem Schiff dorthin zu segeln – kein günstiges Unterfangen. „Eine Überfahrt kostet normalerweise 10.000 bis 15.000 Euro. Ich habe so lange gewartet, bis ich einen der Restplätze für 5.000 Euro bekommen habe. Die hatte ich mittlerweile zusammen, weil mein YouTube-Kanal in Guyana ganz gut funktioniert hat und in manchen Monaten bis zu 1.000 Euro dabei zusammenkamen. Dann dachte ich mir: ‚Jetzt oder nie.‘“
Statt der Ruhe vor dem Sturm erlebte der Sauerländer den umgekehrten Fall. Auf der Überfahrt ging es durch einen der stürmischsten Meeresbereiche der Welt. „Da wird man ordentlich durchgeschüttelt. Ich war erst einmal vier Tage seekrank“, erinnert er sich – doch die Tage auf See waren beim Anblick der gewaltigen Naturkulisse schnell vergessen. Riesige Eisberge, Wale, Robben und Pinguine – „das alles war faszinierend. Die Tiere haben gar keine Angst vor dir, weil sie dort nicht gejagt werden. So konnte ich ganz nah heran.“
(K)ein normaler Tagesablauf
Geschlafen wurde auf dem Segelboot in Kabinen. Morgens ging es zum Eisbaden ins Wasser, tagsüber segelte man durch die Antarktis. Permanente menschliche Besiedlung gibt es dort nicht, nur Touristen und Forscher. „Ich habe eine ukrainisch-mexikanische Forschungsstation besucht. Dort wurde zu Walpopulationen geforscht, es gibt aber auch viele Studien zum Thema Klimaerwärmung“, erklärt er.
Nach 25 Tagen Segeln durch die Antarktis und vier Tagen Rückfahrt hält sich der Sauerländer nun in einem argentinischen Touristendorf auf. Einen groben Plan für seine weitere Mission „Weltreise“ hat er bereits: „Als Nächstes will ich Richtung Norden zurück durch Südamerika. Mein Ziel ist Panama. Danach geht es rüber nach Australien, durch Asien und den Mittleren Osten zurück bis nach Deutschland. Das kann noch gut zwei Jahre dauern, ich bin ja nicht so schnell unterwegs“, sagt er lachend. Bis dahin muss er wohl oder übel noch auf das verzichten, was er an Deutschland am meisten vermisst: seine Familie und Mettbrötchen. „Wenn ich auf dem Weg nach Elleringhausen bin, halte ich als Erstes beim Metzger an, um mir Mettbrötchen zu besorgen. Und dann natürlich bei meinen Eltern.“ Und was sagen die zur nicht immer ungefährlichen Abenteuerlust ihres Sohnes? „Die unterstützen mich, Mama fände es aber, glaube ich, cooler, wenn ich nach Hause fliegen und einfach irgendwas studieren würde.“
Das kommt für den 22-Jährigen derzeit jedoch nicht infrage. Ihm gefällt sein Lebensstil: nicht zu wissen, was der morgige Tag bringt, und an den echten Herausforderungen des Lebens zu wachsen. Gelernt hat er dabei vor allem eines: „Viele sagen immer, sie möchten reisen, hätten aber nicht genug Geld. Ich meine, ich bin fast ohne Geld gestartet, mit gerade einmal 50 Euro, und habe es bis in die Antarktis geschafft – hier und da mit kleineren Jobs, später dann mit YouTube. Das hat auch erst einmal zwei Jahre nicht geklappt, dann kam das erste Geld. Wenn du dir wirklich etwas in den Kopf setzt, dranbleibst und hartnäckig bist, ist alles möglich“, ist sich der Sauerländer – für den Aufgeben nie eine Option war – sicher.

Traumziel erreicht: Nach langer Vorbereitung schaffte es der Sauerländer per Segelschiff in die Antarktis und lebte zwischen Eisbergen und Pinguinen.
Foto: Privat
