Tristan Besser meistert trotz Asperger-Syndrom Ausbildung und Alltag

Kilometerweite Bahnfahrten, wöchentliches Schwimmen und dazu die Auszeichnung als Deutschlands bester Auszubildender zum Industrieelektriker (Fachrichtung Betriebstechnik). Tristan Besser ist ein Vorbild für Generationen, obwohl ihm die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben nicht in die Wiege gelegt worden sind.

Aufwachsen mit Autismus

Der 21-jährige junge Mann, der am 22. Dezember 2004 in Wuppertal das Licht der Welt erblickte, ist Autist. Genauer gesagt, Tristan leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Variante des Autismus-Spektrums, das sich durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, Abweichungen bei der Wahrnehmung sowie eingeschränkte Interessen und repetitives (immer wiederkehrendes) Verhaltensmuster auszeichnet. Zudem bestand in den ersten Lebensjahren eine schwierige familiäre Situation.

„Meine familiäre Situation in Wuppertal war äußerst schwierig. Ich habe durch meinen Stiefvater psychische wie auch physische Gewalt erfahren“, berichtet Tristan Besser über seine Kindheit. „Oftmals musste ich bei tropfendem Wasserhahn in der Badewanne schlafen oder in der Ecke stehen. Während mein kleiner Bruder alles durfte, wurde ich immer bestraft.“ Eine überforderte Mutter, fehlende soziale Kontakte in der Schule wie auch im privaten Umfeld sowie ständige Reizüberflutungen, die dem kleinen Jungen Tag für Tag alles abverlangten.

Ein einschneidendes Ereignis

In der Silvesternacht 2012 kam es nach Jahren schließlich zu einer entscheidenden Wende. Tristan wurde von einem Hund ins Gesicht gebissen, später in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht und anschließend in die Obhut des Jugendamtes übergeben. „Im Krankenhaus wurde ich gefragt, ob ich an einem anderen Ort mit Kindern zusammenleben möchte“, erzählt der gebürtige Wuppertaler. Ein Leben in verschiedenen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche folgte. Doch die Probleme blieben, denn alle Regulierungen, veränderte Tagesstrukturen sowie Stress mit anderen Kindern bereiteten Tristan auch weiterhin große Probleme.

„Niemand erkannte zum damaligen Zeitpunkt, dass ich Autist bin“, ergänzt der junge Mann. „2015 kam ich schließlich nach Olsberg in die Kropff Federath‘sche Stiftung. Dort führten ein strikter Tagesablauf, das gute Verhältnis zu den Erziehern sowie der Besuch der Roman-Herzog-Schule in Brilon dazu, dass ich mich in die richtige Richtung entwickelte. Einige Zeit später wurde dann auch das Asperger Syndrom diagnostiziert.“

Für Tristan Besser der Wendepunkt in seinem Leben, denn fortan sollte es stetig aufwärtsgehen. Der erfolgreiche Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 1,6 sowie der Beginn seiner erfolgreichen Ausbildung zum Industrieelektriker im Berufsbildungswerk (BBW) des Josefsheim Bigge folgten. „Ich hatte schon als Kind Interesse an Technik, wollte immer wissen, wie mein Fahrradcomputer oder mein PC funktionieren“, betont der 21-jährige Olsberger, dessen Lieblingsfächer Mathematik, Physik und Chemie waren. „Darum habe ich alle technischen Geräte auseinandergeschraubt, analysiert und anschließend wieder zusammengebaut.“

Nach dem Umzug in die erste eigene Wohnung im April 2024 stand nur ein Jahr später die Abschlussprüfung an. Mit dem Spitzenergebnis von 99,2 Prozent aller möglichen Punkte schloss Tristan als Bundesbester Azubi seine Lehre ab. Statt sich auf den bisherigen Erfolgen auszuruhen, nahm er unmittelbar die nächste Ausbildung zum Elektriker für Betriebstechnik in Angriff. „Die Ausbildung lief richtig gut, doch das allein reichte mir auf Dauer nicht“, so der Elektro-Spezialist. „Ich wollte meine Freizeit sinnvoll gestalten, meine Komfortzone verlassen und mich meinen Problemen stellen.“

Mehr Selbstvertrauen

Nicht einfach für einen Autisten, doch Tristan setzte sich ein Ziel nach dem anderen, stellte sich neuen Herausforderungen und verließ ein sicheres Umfeld. Mit dem Zug fuhr er anfangs durch das Sauerland, danach ins Ruhrgebiet, wo er die vielen Städte mit ihren Sehenswürdigkeiten erkundete, um anschließend zur ersten großen Bahnreise aufzubrechen. „Ich bin ganz allein mit dem Zug nach Bremen gefahren und habe dort übernachtet“, berichtet Tristan Besser voller Stolz. „Dadurch ist mein Selbstvertrauen enorm gewachsen, sodass ich mich ständig an noch größere Touren herangewagt habe.“

Insgesamt 56.120 Kilometer ist er seitdem mit der Bahn durch ganz Deutschland gefahren, hat München, Hamburg, Berlin und viele weitere große Städte kennen- und liebengelernt. Allein in den vergangenen drei Monaten hat Tristan 20.000 Kilometer auf den Schienen verbracht, und ist sowohl nach Basel und Enschede als auch nach Freilassing im Berchtesgadener Land gereist. „Ich genieße die Freiheit des Bahnfahrens. Das macht den Kopf frei, genau wie jeden Freitagmorgen das Schwimmen im Velmeder Hallenbad. Bewegung, Ausbildung und Sport passen einfach gut zusammen“, so der Olsberger, der in seiner Freizeit gerne Technikanleitungen und Realitätsgeschichten liest. „Sowohl beim Zugfahren als auch im Wasser kann ich abschalten, die Seele baumeln lassen und überschüssige Energie herauslassen.“

Für einen Autisten täglich eine neue Herausforderung und gleichzeitig eine Bahnfahrt zum eigenen Selbst. Ein Paradebeispiel für Mut, Courage, Entschlossenheit und Tatendrang, denn jede Reizüberflutung, jede noch so kleine Abweichung von der Normalität sowie jede intensivierte, ungefilterte Wahrnehmung kann zu extremer Erschöpfung, Angst, Aggressionen oder zum Shutdown (Rückzug) führen.

Tristan Besser meistert sein Leben mit Bravour; er lernt, organisiert seinen Haushalt, teilt sein Geld ein und besucht seine Freunde, die er auf den zahlreichen Bahnfahrten kennengelernt hat. Sein Mut, etwas zu wagen, sowie sein Einsatz, sich den Problemen und Herausforderungen zu stellen, haben ihn zu einem starken und glücklichen jungen Mann mit zahlreichen Zielen gemacht. „Mein großes Ziel ist es, 2027 erfolgreich meine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik abzuschließen, und danach weiter zu reisen und die Welt zu erkunden.“

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Mit Ausdauer, Disziplin und Mut geht der 21-Jährige seinen eigenen Weg.

Foto: Claudia Mette